Ezgi Koman: In der Türkei gibt es kein funktionierendes Kinderschutzsystem

Zum diesjährigen 23. April, dem offiziellen Kinderfeiertag in der Türkei, zieht die Kinderrechtsaktivistin Ezgi Koman eine ernüchternde Bilanz: Von einem funktionierenden Schutzsystem für Kinder könne keine Rede sein.

Gewalt, Ausgrenzung und strukturelle Vernachlässigung prägten den Alltag vieler Kinder; ein Zustand, der aus ihrer Sicht keinen Anlass für Feierlichkeiten lasse. Koman, die für das FISA-Zentrum für Kinderrechte tätig ist, betont im Gespräch mit ANF, dass die jüngsten Fälle von Gewalt an Schulen nicht isoliert betrachtet werden dürfen. „In der Türkei gibt es kein System, das wirklich mit Kindern in Kontakt steht und sie schützt“, sagt sie. „Der Kinderschutz funktioniert nicht, deshalb geraten Kinder aus der Bahn.“

Strukturelles Versagen statt Einzelfälle

Nach Einschätzung Komans sind die sichtbaren Gewalttaten lediglich Symptome tiefer liegender Probleme. Verantwortlich seien nicht die Kinder selbst, sondern die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. „Die zunehmende Normalisierung von Gewalt in der Gesellschaft, die schwierigen Lebensbedingungen vieler Familien, das Übersehen der Probleme von Kindern und der Druck auf Lehrkräfte – all das hat dieses Bild hervorgebracht“, erklärt sie. Gleichzeitig verliere pädagogische Arbeit zunehmend an Bedeutung, während unterstützende Strukturen fehlten. Für Koman steht fest: Die aktuelle Situation sei kein überraschender Ausreißer, sondern das Ergebnis eines langfristigen Versagens. Ein System, das Kinder auffängt, begleitet und schützt, existiere faktisch nicht.

Wachsende Ungleichheit und fehlende Perspektiven

Koman sieht die Ursachen der aktuellen Entwicklung auch im gesellschaftlichen und politischen Klima. Ein zunehmend autoritäres Umfeld, eingeschränkte Meinungsfreiheit und soziale Ungleichheit wirkten sich nicht nur auf Erwachsene, sondern in besonderem Maße auf Kinder aus. Gerade Jugendliche in der Pubertät seien davon betroffen. „In dieser Phase brauchen Kinder Möglichkeiten, sich zu entfalten“, sagt Koman. „Doch diese Räume fehlen: Sie haben kaum Zugang zu Kunst, zu Sport oder zu Orten, an denen sie sich frei ausdrücken können.“ Hinzu komme, dass soziale Unterschiede im Alltag immer sichtbarer würden. Kinder würden früh mit Ungleichheit konfrontiert, etwa im Schulumfeld oder im sozialen Austausch mit Gleichaltrigen. „Diese Ungleichheiten schaffen große Spannungen“, so Koman. „Sie führen zu Frustration und zu Wut.“

Ezgi Koman | Foto: privat

Isolation statt Unterstützung

Entscheidend sei, dass es an Strukturen fehle, die diese Entwicklungen auffangen könnten. „Es gibt kein System, das diese Wut aufnimmt, verarbeitet und in etwas Positives verwandelt“, erklärt Koman. Stattdessen würden Kinder zunehmend sich selbst überlassen. Die Folge sei eine wachsende Isolation. Viele Kinder entfernten sich sowohl von ihren Familien als auch von ihrem sozialen Umfeld. „Sie ziehen sich zurück, werden allein gelassen, und am Ende entstehen Situationen, in denen sie entweder sich selbst oder anderen Schaden zufügen“, sagt sie. Koman beschreibt dies nicht als individuelles Versagen, sondern als Ausdruck eines strukturellen Problems: Kinder würden in einem Umfeld aufwachsen, das ihnen weder Sicherheit noch Perspektiven biete – und das zugleich kaum Mechanismen bereithalte, um auf Krisen angemessen zu reagieren.

Kinder in der Krise – nicht „gefährlich“, sondern gefährdet

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Gewalt warnt Koman davor, Kinder selbst zum Problem zu erklären. Die aktuelle Debatte, in der junge Täter vorschnell als „gefährlich“ eingeordnet würden, greife zu kurz und verschleiere die eigentlichen Ursachen. „Wir müssen sehen, dass nicht die Kinder gefährlich sind, sondern dass sie in Gefahr sind“, sagt Koman. Verhalten, das als aggressiv oder gewalttätig wahrgenommen werde, sei häufig Ausdruck von Überforderung und fehlender Unterstützung. „Ein Kind, das selbst in einer Risikosituation lebt, kann auch Verhalten entwickeln, das für andere gefährlich wird. Aber das ist das Ergebnis eines Prozesses.“

Fall Gurgum: Gewalt und ihre gesellschaftliche Spiegelung

Als Beispiel nennt Koman den Vorfall in Gurgum (tr. Maraş), bei dem ein 14-Jähriger einen bewaffneten Angriff auf seine Schule verübte. In den veröffentlichten Notizen des Jugendlichen seien vor allem Gefühle von Isolation und der Wunsch nach Wahrnehmung deutlich geworden. Für Koman verweist dies auf ein tiefer liegendes Problem: „Sichtbarkeit ist heute ein zentrales Thema, auch für Kinder.“ In einer Gesellschaft, in der auch Erwachsene permanent um Aufmerksamkeit ringen, könne man nicht erwarten, dass Jugendliche sich diesem Druck entziehen. „Wenn unsere eigene Verbindung zur Realität brüchig wird, wirkt sich das auf Kinder noch viel stärker aus.“

Besonders kritisch bewertet sie die Reaktionen auf den Angriff: Nachdem der Jugendliche vom Vater zweier Schüler:innen mit einem Messer tödlich verletzt worden war, sei dieser in Teilen der Öffentlichkeit als „Held“ dargestellt worden. „Wenn aus solcher Gewalt Heldengeschichten gemacht werden, ist das ein klares Zeichen dafür, wie sehr Gewalt bereits normalisiert ist“, so Koman. Solche Darstellungen wirkten auch auf Kinder zurück.

Fall Riha: Ausschluss statt Unterstützung

Auch ein weiterer Vorfall in Riha (Urfa) verdeutliche die strukturellen Probleme. Dort hatte ein Jugendlicher einen Angriff verübt, nachdem er zuvor von der Schule verwiesen worden war. Für Koman ist dies ein Beispiel dafür, wie schnell Kinder aus dem System gedrängt werden. „Wir sind an einem Punkt, an dem Kinder bei Schwierigkeiten einfach ausgeschlossen werden“, sagt sie. Was danach mit ihnen geschehe, bleibe weitgehend unbeachtet.  Ein solcher Ausschluss verschärfe die Situation weiter. „In dem Moment, in dem ein Kind aus dem System fällt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es in destruktive Dynamiken gerät“, erklärt Koman. Gleichzeitig fehle es an Fachwissen und geeigneten Ansätzen, um mit solchen Situationen umzugehen. Stattdessen dominiere häufig eine Logik der Eskalation: Gewalt werde mit Gewalt beantwortet. „Wenn ein Kind als Bedrohung wahrgenommen wird, ist die erste Reaktion oft, es mit Gewalt zu stoppen“, sagt sie. Das zeige, wie sehr grundlegende pädagogische Prinzipien und professionelle Standards an Bedeutung verloren hätten.

Sicherheitslogik statt struktureller Lösungen

Koman kritisiert, dass die politischen Reaktionen auf Gewalt zunehmend auf Sicherheitsmaßnahmen beschränkt bleiben. Polizeipräsenz oder Überwachung könnten die tiefer liegenden Probleme nicht lösen. „Diese Fragen sind pädagogisch und gesellschaftlich, sie lassen sich nicht mit reinen Sicherheitsmaßnahmen beantworten“, sagt sie. Eine Politik, die Gewalt ausschließlich als Sicherheitsproblem behandle, greife zu kurz und verfehle die Ursachen.

Zugang zu Waffen als zentrales Risiko

Ein entscheidender Punkt sei der einfache Zugang zu Waffen. In einer Gesellschaft, die ohnehin von Spannungen und Frustration geprägt sei, verschärfe dies die Situation zusätzlich. „Wenn wir über Sicherheit sprechen, müssen wir zuerst darüber sprechen, wie leicht Kinder und Erwachsene Zugang zu Waffen haben“, betont Koman. Maßnahmen wie verstärkte Polizeipräsenz an Schulen seien wirkungslos, solange Waffen frei verfügbar seien. Gewalt könne sich dann einfach an andere Orte verlagern. Stattdessen fordert sie politische Schritte gegen die zunehmende private Bewaffnung. „In einem Umfeld, in dem Waffen nicht zugänglich sind, eskalieren solche Situationen nicht in dieser Form“, so Koman.

Kinderarbeit und strukturelle Ausbeutung

Auch die soziale Realität vieler Kinder steht im Zentrum der Kritik. Obwohl die Türkei die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert hat, bleibe deren Umsetzung weitgehend aus. Koman verweist insbesondere auf das staatliche Programm der Berufsbildungszentren (MESEM), in dessen Rahmen Kinder früh in Arbeitsprozesse eingebunden werden. „Kinder werden faktisch zu Arbeitskräften gemacht und geraten in ausbeuterische Verhältnisse“, sagt sie. Die Folgen seien gravierend: Allein im Jahr 2025 seien mindestens 95 Kinder bei Arbeitsunfällen ums Leben gekommen. „Das zeigt, wie dramatisch die Situation ist“, so Koman. Kinder, die eigentlich Zugang zu Bildung haben sollten, würden arbeiten, seien Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt, und verlören im schlimmsten Fall ihr Leben.

Kein Anlass zum Feiern

Die Diskrepanz zwischen rechtlichen Verpflichtungen und tatsächlicher Praxis sei eklatant. Die UN-Kinderrechtskonvention schreibe vor, dass Bildung auf Menschenrechten basieren und die Entwicklung von Kindern fördern müsse. In der Realität sehe es anders aus: „Diese Rechte existieren in der Türkei weitgehend nur auf dem Papier“, sagt Koman. Weder sichere Lernumgebungen noch umfassender Schutz seien gewährleistet. Vor diesem Hintergrund stellt Koman auch den offiziellen Rahmen des 23. April, des „Tages der Kinder“, grundsätzlich infrage. Angesichts der aktuellen Situation könne von einem Feiertag kaum die Rede sein. „In einem solchen Klima können wir nicht von einem Fest sprechen“, sagt sie. Vielmehr müsse dieser Tag Anlass sein, die Realität von Kindern in der Türkei kritisch zu betrachten.

Appell an Gesellschaft und Politik

Koman richtet ihre Kritik nicht nur an politische Entscheidungsträger:innen, sondern auch an die Gesellschaft insgesamt. Verantwortung trügen nicht allein staatliche Institutionen, sondern auch zivilgesellschaftliche Akteure, Medien und Erwachsene im Alltag. „Wir müssen innehalten und uns fragen, was wir tun“, sagt sie. Es gehe darum, eigene Versäumnisse zu erkennen und die Bedingungen zu verändern, unter denen Kinder aufwachsen. Nur durch ein gemeinsames Umdenken könne eine Umgebung geschaffen werden, die Kindern Sicherheit, Perspektiven und echte Teilhabe ermöglicht.
ANF

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